Der Weg mitten durch die Angst – mit Vertrauen!

Wer kennt diese Situation? Ich wache morgens auf und habe ein unbestimmtes, mulmiges Gefühl im Bauch; dann tauchen sie auf: bedrohliche Welten und Szenarien, das Leben erscheint als ein feindlicher Ort und das Bett ist so schön warm und sicher. Die ersten Selbstzweifel lassen nicht lange auf sich warten, verbunden mit Ängsten – Angst vor Nähe, vor Menschen, Beziehungsängste. Am liebsten würde ich liegen bleiben, fühle mich unsicher und klein – aber es hilft ja alles nichts. Also raus ins feindliche Leben!

Angst scheint für fast alle Menschen ein häufiger Begleiter zu sein. Wir fühlen uns von ihr drangsaliert, versuchen, sie zu überwinden bzw. auszublenden, und im Grunde wollen wir sie einfach loswerden. Angst ist unangenehm, intensiv und bringt uns so unausweichlich mit Schwäche und Kontrollverlust in Berührung, dass wir am liebsten weglaufen vor ihr.

Blasse Frau mit schwarzlackierten Fingernägeln

Der Umgang mit Angst

Der Umgang mit Angst ist ein schwieriges Kapitel – denn wie sollen wir mit etwas umgehen, was wir nicht wirklich kennen? Und wir kennen es nicht, weil wir auf der Flucht sind, uns die Angst zwar im Nacken sitzt, wir ihr jedoch entkommen wollen. Es braucht zuerst einmal einen Moment des Innehaltens, um Angst zu verstehen bzw. das „System Angst“ näher zu beleuchten.

In der Lehre des spirituellen Enneagramms wird Angst nicht als ein reines Gefühl, das wir im Herzen offen wahrnehmen, beschrieben, sondern als ein System der Angstvermeidung. Was wir landläufig als Angst wahrnehmen, ist im Grunde ‚die Angst vor der Angst‘.

Ich könnte auch sagen, Angst ist eines der größten Geheimnisse des inneren Weges, welches durch eine spezifische Form des Ablenkungsmanövers bewacht wird. Ich nenne es die Zentrifugalkraft der Angst. Zentrifugalkraft bedeutet übersetzt: ‚die Kraft, die aus der Mitte flieht‘. Im Zuge dieser Fliehkraft flieht die Aufmerksamkeit an die Peripherie des Gesamtphänomens Angst. Der Mensch hat jetzt Angst vor der Angst, während ihr eigentlicher Kern unterschwellig bleibt, bzw. im Hintergrund lauert…“*

Das Kaninchen, das gelähmt vor der Schlange sitzt, beschreibt diesen inneren Zustand recht treffend. Während unsere Gedanken vielleicht verrückt spielen, wir uns Alternativen oder Ausweichbewegungen vorstellen, schnell handeln, um irgendwie beschäftigt zu sein, entsteht in unserem Innen eine lähmende Erstarrung. Die Peripherie ist in Bewegung, während unser Inneres starr vor der Schlange sitzt. Man könnte sagen: wir erstarren die Angst. Wir frieren sie ein, um sie zu hindern sich auszubreiten, uns ganz einzunehmen – wie damals als Kind, als wir vor Angst zitterten.

OM C. Parkin

Angst - Die Flucht aus der Wirklichkeit

Der erste Band zur spirituellen Dimension des Enneagramms
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Nähe und Distanz: eine Haltung der Ambivalenz

Wie kann Angst wieder ins Fließen kommen? Zuerst einmal ist es wesentlich, unsere Ambivalenz zwischen Nähe und Distanz unter die Lupe zu nehmen. Ja, wir spüren den Wunsch, uns zu entfalten, unsere alte Sicherheit zu verlassen und mutiger zu werden, um uns dem Leben, der Liebe, neuen Erfahrungen und letztlich uns selbst anzunähern. Doch wir wollen auch die Angst und Unsicherheit vermeiden, die diese lebendige Nähe mit sich bringt. Am liebsten würden wir frei sein, ohne unsere geborgene Welt verlassen zu müssen. Und unser sogenannter „innerer Kritiker“ flüstert uns viele gute Argumente ins Ohr, warum es besser ist, die Finger vom Risiko zu lassen und beim Bekannten zu bleiben.

Die Distanzierung von allem, was uns ängstigt, erscheint uns immer wieder als Medizin gegen die „Krankheit“ der Angst. Doch ist es die Distanzierung, die Angst erzeugt. Dass Angst krankhafte Züge annimmt in Panikattacken, Angstzuständen, Phobien und vielem mehr, ist nicht etwa Ausdruck unserer übergroßen Nähe zur Angst – wie man auf den ersten Blick denken könnte – sondern davon, dass wir uns distanzieren, uns als Opfer der Angst fühlen und ihr erlauben, übermächtig und von uns selbst getrennt zu sein. Es braucht Kräfte aus unserer Seele, aus unserem Herzen, um uns der Angst annähern zu können und sie wieder in einen natürlichen, fließenden Zustand zu versetzen.

Mut als Heilmittel

Mut und Angst werden bisweilen in einem Widerspruchsverhältnis gesehen. Der Mutige scheint angstfrei zu sein oder zumindest weniger von Angstgefühlen belastet. Diese Vorstellung entspricht nicht der psychischen Wirklichkeit: Angst und Furcht sind keine mit dem Mut unvereinbaren Gemütsverfassungen, sondern im Gegenteil Komponenten im Spannungsgefüge verantwortbaren Wagemuts. Sie kontrastieren miteinander, schließen sich aber nicht gegenseitig aus, sondern ergänzen einander.“**

Diese Aussage greift den Irrtum eines alten „Heldenmythos“ auf, in dem der tapfere Held angstfrei und stattdessen voller Mut seine Heldentaten vollbringt. Dieses Ideal von Mut als einem Zustand, in dem Angst vollkommen überwunden (also verschwunden) sein soll, hat tiefe Wurzeln in unserer Überzeugungswelt. Auch in den Lehren des Enneagramms wird darauf hingewiesen, dass durch die Ausblendung von Angst ein falsches, vom Herzen und der Menschlichkeit abgeschnittenes Heldentum entsteht. Angst ist in ihrem Wesen eine auf natürliche Weise begrenzende Kraft, die uns Respekt und Ehrfurcht lehrt, nicht zuletzt vor dem Tod und seiner Autorität. Wenn wir Angst also ausblenden für ein Bild von Stärke und Mut, leiden wir unter Hoch-Mut und Respektlosigkeit und leben von falscher Kraft, die einen Preis kostet.

Sandra Maitri

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Ich habe Angst

Wer ist bereit für dieses einfache Bekenntnis? Ist es möglicherweise wesentlicher mutiger, Angst zu fühlen, als Angst zu leugnen? Sich Angst zu nähern, als sich zu distanzieren? Wahrer Mut ist eine Tugend des Herzens, durch die wir die innere Bereitschaft spüren, MIT Angst einem Ziel entgegenzugehen, den Hindernissen zu begegnen, die uns prüfen, und immer wieder durch unsere Angst hindurchzugehen, anstatt sie zu überwinden. Mut ist auch ein Heilmittel für unseren Selbstzweifel, denn während er unsere innere Kraft weckt und ausrichtet, zersetzt und pulverisiert der Zweifel alles Lebendige, Unsichere in uns, und damit auch unseren Kraftfluss. Dass es mutig ist, sich sowohl zur Angst zu bekennen als sich ihr auch sanft zu nähern und dafür Heldenideale ziehen zu lassen, ist keine neue Erkenntnis. Und doch ist es ein enges Tor für uns, wenn wir dann tatsächlich davor stehen.

Wie können wir Vertrauen zurückgewinnen?

Offensichtlich fehlt dir etwas, was es dir erlaubt, dich niederzulassen und dich hinzugeben. Dieses Etwas nennt sich Vertrauen. Kann man sich ohne Vertrauen der Angst hingeben? Wo ist denn dein Vertrauen?…Wenn du dir die Zeit nimmst, dein Herz zu fühlen, dann entdeckst du, dass Vertrauen keine verlorene Qualität in dir ist. Es war immer da, doch es ist deine Verantwortung, diesen Moment fühlender Anwesenheit mit dir selbst aufzubringen und es zu ent-decken.“*

Wir gewinnen also unser Vertrauen zurück, indem wir es ent-decken. Dafür müssen wir nicht einmal lernen zu vertrauen, denn wir vertrauen schon. Es ist einfach nur wesentlich aufzudecken, WEM wir vertrauen. Das Vertrauen liegt ganz in unserer Hand und wir können uns fragen: Vertraue ich meinen Ängsten und Zweifeln, meinen Befürchtungen und dem, was ich schon erfahren habe und als unübersehbar große Projektion in die Zukunft werfe?

Oder vertraue ich in Gott, auch wenn ich nicht wirklich weiß, wer Gott ist? Schenke ich mir Selbstvertrauen, obwohl ich ein Mensch mit u.a. Schatten und Begrenzungen bin? Vertraue ich der Liebe, auch wenn sie manchmal Schmerz und Enttäuschung bringt? Vertraue ich einer Autorität, auch dann, wenn sie meinem Eigenwillen Grenzen setzt?

Wem schenke ich mein Vertrauen, MIT Angst?

 

Verweise im Text:

*“OM C. Parkin: „Angst – Die Flucht aus der Wirklichkeit“, advaitaMedia

**Siegbert A. Warwitz: „Die Kontrasttugenden Angst und Mut. Aus Sinnsuche im Wagnis.“ Schneider Verlag Hohengehren

Literaturempfehlungen zum Thema:

OM C. Parkin

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